|
Ich war Student der Geschichte, als ich mit dem Fotografieren
begann. Meine frühen Bilder dokumentieren Musiker der guten alten
Zeit in Nashville, Tennessee sowie Menschen, die an den Pferderennbahnen
in Lexington, Kentucky arbeiteten. Ich schoss meine Fotos bei Jahrmärkten
in St. Paul, Minnesota und in Lincoln, Nebraska und bei Footballspielen
an den High Schools in der Nähe meiner Heimatstadt Boston, in
Natick, Massachusetts. Nicht weit von dort machte ich Porträts
von Rennfahrern an abgelegenen Rennstrecken auf dem Land und von Clubboxern,
die es nirgendwo hinzog. Und nachts besuchte ich Kneipen an vielen
Orten und fotografierte dabei. Entweder erledigte ich Auftragsarbeiten,
oder ich arbeitete in meiner Freizeit. Aber fast immer fotografierte
ich für mich.
Indem ich diese ganz unterschiedlichen Teile unserer Kultur aufnahm,
glaubte ich sie für die Nachwelt zu erhalten. In meinen Augen
war ich Historiker mit einer Kamera oder vielleicht Volkskundler.
Es gibt dazu in der Fotografie eine große Tradition, die ihren
Anfang nahm, noch bevor Matthew Brady und andere ihre eindringlichen
Bilder vom amerikanischen Bürgerkrieg machten. Während meiner
ersten Zeit als Fotograf schaute ich aufmerksam auf das Werk von Walker
Evans, Dorothea Lange, Russell Lee, Brassaï, August Sander, Weegee,
Robert Frank, Diane Arbus und so vieler anderer erstaunlicher Dokumentarfotografen.
Wenn wir auf ihr Werk zurückblicken, sehen wir eine unschätzbare
Aufzeichnung der Vergangenheit, und ich wollte gern Teil dieser Tradition
werden.
Soweit ich das beurteilen kann, haben die in Humans gezeigten Bilder
nichts mit all dem zu tun. Vor zehn Jahren begann ich ohne erkennbaren
Grund, Land- und Meerestiere zu fotografieren, und veröffentlichte
Bücher mit Titeln wie Creatures, Canine und Aquatics. Im Verlauf
der Arbeit rückte ich immer näher an meine Objekte heran,
um sie noch gründlicher zu betrachten. Diese Art zu arbeiten
gab mir ein ganz anderes Gefühl als das dokumentarische Fotografieren
von Menschen, Orten und Ereignissen; sie war viel friedlicher, entspannender
und mehr nach innen gerichtet. Und sie erforderte viel mehr Geduld.
Den menschlichen Körper zu fotografieren, war nur der natürliche
nächste Schritt in diese Richtung.
All diese Fotografien haben ein elementares Ziel. Ich möchte
von Grund auf gute Bilder machen - handwerklich gelungene Aufnahmen,
die einen anhalten, schauen und vielleicht nachdenken lassen. Darüber
hinaus verfolge ich keine großartige Intention, kein verstecktes
oder offenes Programm. Jeder kann selbst entscheiden, wie er die Fotos
sehen möchte, als grafische Bilder, als Metaphern oder sogar
als Dokumente. Für mich macht es keinen Unterschied.
Das ist wohl ein sehr altmodischer Gedanke. Die Künstler von
heute sollen konzeptuell auf der Höhe sein, bewaffnet mit komplexen
Vorstellungen und gut ausgearbeiteten Rechtfertigungen und Philosophien.
Aber ich glaube nicht, dass gute Künstler Intellektuelle oder
große Denker sein müssen. Sie müssen nicht einmal
besonders clever seinaußer natürlich im Schaffen
ihrer Bilder oder ihrer Kunst.
Als langjähriger Lehrer hoffe ich immer, dass das, was ich sage
oder tue, irgendeinen positiven Einfluss auf meine Studenten hat,
auch wenn dieser Einfluss nicht immer offensichtlich ist. Als Student
hatte ich das Glück, viele der heute legendären Fotografen
zu meinen Lehrern zu zählen: Harry Callahan, Aaron Siskind und
Minor White. Für mich waren sie alle Künstler, deren Werk
sehr viel interessanter war als alles, was sie darüber zu sagen
hatten. Doch als junger Dokumentarfotograf haben mich die Fotografien
meiner Lehrer ohnehin kaum interessiert. Sie waren zu überlegt,
zu formell, zu persönlichund nicht genug von dieser Welt.
Aber was meine Lehrer mich lehrten, war die wichtigste Lektion von
allen: das, was ich tat, zu respektieren und ernst zu nehmen. Wenn
ich heute zurückschaue, sehe ich, dass sie mir zudem auch ein
bisschen was über das Bildermachen beigebracht haben.
In Humans lenke ich meinen Blick auf ein zeitloses Thema, den menschlichen
Körper, und versuche, Fotos zu machen, die vertraut und vertraulich,
aber doch noch ein wenig anders sind. Was ich konnte, habe ich hierfür
übernommen, und zwar nicht nur von meinen Lehrern, sondern auch
von Man Ray, Paul Outerbridge, Karl Blossfeldt, Irving Penn und so
vielen anderen großen Fotografen, die nichts Falsches darin
sahen, wenn Form eine Funktion hat. Ich habe mich einfacher traditioneller
Techniken bedient, habe Innenaufnahmen mit dem verfügbaren Licht
gemacht - entweder mit natürlichem Licht oder mit der im Raum
vorhandenen Beleuchtung. Ich habe mit einer 35mm Spiegelreflexkamera
gearbeitet und einen hochlichtempfindlichen Film verwendet, normalerweise
ISO 3200. Ich habe Modelle engagiert und sie von Kopf bis Fuß
Stück für Stück fotografiert. Dann habe ich sie gebeten
sich umzudrehen und noch einmal von vorn angefangen. Manchmal war
ich einen halben oder ganzen Meter von meinen Modellen entfernt, aber
meistens war ich sehr viel näher - nur ein paar Zentimeter oder
weniger weit weg. Um so nah heranzukommen, habe ich ein Makro-Objektiv
benutzt und häufig zusätzliche Filter für Nahaufnahmen
eingesetzt, sodass ich mein Motiv noch näher heranholen konnte.
In der Dunkelkammer pushte (überentwickelte) ich
den Film, was die Negative besonders grobkörnig und kontrastreich
erscheinen ließ. Die Abzüge wurden traditionell hergestellt,
hauptsächlich auf mattem Silbergelatinepapier, das dann sepia
getont wurde. Bisweilen fertigte ich auch Platinabzüge an. Bei
diesem Verfahren aus dem 19. Jahrhundert wird die Fotoemulsion mit
der Hand aufgetragen, sodass das Bild eher von Platinsalzen als von
Silber geformt wird.
Ich habe mich für traditionelle Techniken entschieden, um einem
zeitlosen Thema ein zeitloses Aussehen zu verleihen, aber auch weil
sie dazu beitragen, das Motiv ein wenig zu abstrahieren. Die Sicht
in Schwarz-Weiß lässt uns Teile des menschlichen Körpers
möglicherweise in einem neuen Licht betrachten. Schließlich
habe ich die traditionellen Materialien auch gewählt, weil sie
sich mit der Zeit als lange haltbar und beständig erwiesen habenetwas,
was jeder Historiker oder Dokumentarfotograf zu schätzen wissen
wird.
—Henry Horenstein
Henry Horenstein lebt in Boston, Massachusetts und unterrichtet an
der Rhode Island School of Design. Er ist Autor von weiteren 30 Büchern,
darunter zahlreiche Fotobände (Creatures, Aquatics, Honky Tonk)
und theoretische Werke (Black & White Photography, Beyond Basic
Photography, Color Photography). Seine Fotografien werden international
ausgestellt und befinden sich in vielen wichtigen Museen und Privatsammlungen. |