In der Nacktheit
sehe ich die Würde des Wesentlichen anstelle der Anmaßung
des Scheins
<>Horatio Greenough, 1852 |
|
English |
Eine seltsame, rätselhafte Verwirrung ist
die erste Reaktion beim Anblick der jüngsten Manifestation
von Horensteins Fotokunst. Doch das sollte nicht so sein. Horensteins
Thema ist der menschliche Körper, von dem wir alle intime Kenntnis
haben, zumindest jedenfalls von unserem eigenen. Horensteins Bildwelten
wirken irritierend, weil er sich darauf konzentriert, den Blick
aus extremer Nähe auf den menschlichen Körper zu richten
und so aus äußeren Schichten bestimmter Persönlichkeiten
und Individuen universelle Landschaften zu machen, in denen Fleisch
das Erdreich bildet und Haare als Blattwerk fungieren. Diesem visuellen
Test unserer Sensibilität liegt eine einfache Erklärung
zugrunde. Wir sind so an unseren eigenen Körper gewöhnt,
dass wir uns zwar sehen, jedoch nicht wirklich beobachten. Wenn
wir nicht etwas Ungewöhnliches bemerken, etwa einen blauen
Fleck oder eine Unebenheit, sehen wir durch uns hindurch, so wie
wir intime Tätigkeiten verrichten, uns anziehen, ein Bad nehmen,
uns im Spiegel ansehen. Auf die Körper der anderen starren
wir voller Bewunderung, Neid oder erotischem Begehren, selten mit
der sachlichen Intensität dieser Fotografien.
Dies sind keine Nacktaufnahmen im herkömmlichen Sinne, keine
Akte in der oft großen und genauso oft geschmacklosen Tradition
der Fotografie. Trotz der irritierend nüchternen Nahsicht,
aus der sie aufgenommen wurden, handelt es sich nicht um wissenschaftliche
oder medizinische Aufnahmen. Und es sind auch keine Abstraktionen,
selbst wenn einige Bildinhalte durch die Manipulation von Fokus
und Ausschnitt ungewiss bleiben. Vielmehr enthält Horensteins
jüngstes Werk Aspekte aller drei erwähnten Kategorien
und bewahrt dabei eine ganz eigene Originalität.
Es gibt nur wenige zeitgenössische Fotografen, deren Werk,
wie das Horensteins, den menschlichen Körper nicht zum Objekt
einer Kultivierung der Schönheit macht. Es kommen einem die
trägen, üppigen Akte von Irving Penn in ihrer Ausgewogenheit
von Grazie und Groteske in den Sinn. Ebenso die ausdrucksstarken
späten Selbstporträts von John Coplan, die mit der Darstellung
von knubbligem, schlaffem Fleisch die Spuren der Zeit dokumentieren.
Mit seinem intensiven und offenen examinierenden Blick kann Horenstein
gar nicht anders, als seinen Werken Sexualität zu verleihen.
Doch das Fehlen narrativer ebenso wie objektivierender Elemente
hebt zugleich jeden Sinn von Erotik auf, der Horensteins Vision
widersprechen würde. Henry Horensteins Fotografien zeigen Betrachtungsweisen
des menschlichen Körpers als Geographie. Je deutlicher sich
die Werke einer schnellen Identifizierung entziehen, desto stärker
stimulieren sie unsere Vorstellungskraft. Durch sein Konzept, seine
Auswahl von Fokus und Ausschnitt und durch die hervorragende Qualität
seiner Abzüge verwandelt Henry Horenstein das Normale und scheinbar
Offensichtliche und lässt uns die Teile dessen, was wir sind,
in neuem Licht betrachten.
—Robert Flynn Johnson
Robert Flynn Johnson ist Leitender Kurator der Achenbach Foundation
for Graphic Arts, Fine Arts Museums of San Francisco. Der Autor
von zahlreichen Büchern veröffentlichte erst jüngst
Anonymous: Enigmatic Images from Unknown Photographers (Thames and
Hudson). |
 |